Gesundheit und Krankheit

Gesundheit und Krankheit werden in der Psychologie nicht auf ein körperliches Geschehen begrenzt. Beide Begriffe werden auch nicht komplementär verstanden, so dass die Abwesenheit von Krankheit nicht damit gleich zu setzen ist, dass der Betreffende gesund ist. Im westlichen Verständnis der Weltgesundheitsorganisation wird Gesundheit folgendermaßen definiert:

„Gesundheit ist der Zustand des vollständigen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur die Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen.“

Begriffserklärung

Gesundheit und Krankheit stehen in Relation zu psychischen, sozialen, ökologischen und physischen Belangen eines Menschen. Es ist der Mensch in seinem Lebenskontext, der zunächst seine Gesundheit verliert und später erkrankt, weil Lebensbedingungen und –anforderungen und individuelle Bedürf­nis­se und Gegebenheiten sich nicht mehr entsprechen. Daraus resultierende Erscheinungsformen, die sich am Menschen zeigen, bezeichnen wir dann mit Krankheitsbegriffen. Erst wenn sich der Mangel an Nahrung am Menschen in Form von Hungerödemen zeigt, entsteht ein Krankheitsbild, das (medizi­nisch) behandelt werden kann. Die Bereitstellung ausreichender und gesunder Ernährung kann aber als Gesundheitsprävention verstanden werden und Menschen, die Hungern sind auch ohne Krankheits­zeichen nicht mehr gesund!

Damit wird deutlich, dass seelisch-geistige Prozesse in der (Selbst-)Wahrnehmung von Gesundheit und Krankheit eine wesentliche Rolle spielen. So wird die Wahrnehmung eines Ereignisses, z.B. Blut im Urin, Durchschlafprobleme, nicht von allen Menschen als Krankheitssymptom verstanden und auch dann nicht annähernd mit ähnlichen Handlungen beantwortet. In Deutschland praktizieren 92 % individuelle oder soziale Selbsthilfe bei gesundheitlichen oder sozialen Problemen (T. Faltermaier: „Gesund­heitspsychologie“ 2005).

Deshalb finde ich es in besonderem Maße bedauerlich, dass Menschen, wenn Sie sich anderen Men­schen zur Heilung anvertrauen, die zuvor gezeigte Selbstverantwortung und Autonomie unnötig ver­lieren. Zwischen Notfallversorgung und alltäglicher Praxis gibt es eine breite Variation an Möglich­kei­ten den betroffenen Menschen an der Gestaltung und Verwirklichung seiner Behandlung zu betei­ligen. Darüber hinaus bin ich überzeugt, dass im Verständnis von Selbstorganisation Heilung autonom innerhalb eines Menschen stattfindet!

Hier tut sich ein weites Feld psychologischer und gesellschaftlicher Betrachtung auf: Genügt es, wenn ein gut informierter Klient – hier verbietet sich dann wohl die Bezeichnung Patient – seine Zustim­mung (informed consent) und seine Mitarbeit (compliance) anbietet? Wie ist Autonomie zu verstehen, wenn die Existenz eines Unbewussten angenommen wird? Was tun, wenn ein Mensch aus welchen Gründen auch immer sich Schaden zufügt oder sich Maßnahmen widersetzt, die für sein Wohlergehen dem Behandler unabkömmlich erscheinen? Diese und viele Fragen mehr versucht die medizinische Ethik zu beantworten. Meist beginnt aber der Verstoß viel früher im zwischenmenschlichen Gescheh­en von heilenden Menschen und denen, die ihre Hilfe suchen, weil nicht eindeutig und gezielt ein Auf­trag formuliert worden ist. Nicht nur im Gesundheitswesen, auch bei anderen Heilern werden häufig Behandlungen vorgenommen zu deren Form, Umfang oder Zielrichtung vom Betroffenen kein expliziter Auftrag gegeben wurde. Allein die Auftragsformulierung ist ein komplexer und dynami­scher zwischenmenschlicher Prozess mit weitreichender (psychologischer) Bedeutung.

Psychologie – ein Beitrag zur Gesundheit!

Auf all dies, hat natürlich die Psychologie in ihrem eigenen Anwendungsbereich zur Behandlung mensch­lichen Leidens, der Psychotherapie, zu beachten. Psychotherapie ist die strukturierte, auf einer (wissenschaftlichen) Theorie zur Entstehung psychischen Leidens und damit zusammenhängenden somatische Veränderungen auf­bauende, fachliche Begleitung von Menschen. Dadurch erfahren diese eine aktive Verän­derung ihres Verständnisses für ihre Beein­trächtigungen sowie für eigene Lösungs- und Handlungsmöglichkeiten. Hier gibt es eine Vielzahl von Theorien und Methoden, die sich in ihrem Menschenbild und Verständnis von Krankheit und Gesundheit, sowie der Autonomie und dem Verständnis der Patienten-Therpeuten-Beziehung unterscheiden. Dies soll an dieser Stelle nicht näher verfolgt werden.

Gesundheitspsychologie

Naheliegend, dass sich die Psychologie als Wissenschaft über die Psychotherapie hinaus sich in der Gesundheitspsychologie mit den kognitiven und verhaltensmäßigen Bemühungen eines Menschen im Umgang mit Krankheit und der Erhaltung von Gesundheit in verschiedenen biologischen und sozialen Umgebungen beschäftigt. Dabei wird für die meisten chronischen Krankheiten davon ausgegangen, dass deren Entstehung und Verlauf zu cirka 50 Prozent von kulturellen Lebensgegebenheiten, cirka 20 Prozent von biologisch-gene­ti­schen Bedingungen, etwa 15 Prozent von den Umweltbedingungen und nur 10 Prozent von der Qua­li­tät des Gesundheitssystems abhängen. Welche Anforderungen im Lebensumfeld eines Menschen schädigend oder als Ressource wirken, wodurch Menschen eine Wi­derstandskraft (Resilienz) gegen Krankheiten entwickeln oder sie da für verletzlich (Vulnerabilität) macht und was sie zu einer entsprechenden Lebensweise veranlasst, steht hier im Mittelpunkt der Betrachtung.

Medizinische Psychologie

Die medizinische Psychologie als Teildisziplin beschäftigt sich mit einem begrenzten Feld der Krank­heitsentstehung und –bewältigung. Hierzu gehört das Erleben, Verstehen und Umgehen mit Krankheit inklusive dem Einhalten von Verordnungen und Maßnahmen. Die Kommunikation aller im Krank­heitsprozess Beteiligter und die Gestaltung der Beziehungen und der Zusammenarbeit ist hierbei ein wichtiger Bestandteil. So reicht dieses Arbeitsfeld, trotz seiner Begrenztheit, von der Verarbeitung der Begleiterscheinung schwerer Erkrankungen, der Einschränkung von Lebensqualität z.B. nach Ampu­ta­tionen, der Mitteilung von Diagnosen an Betroffene und den Umgang mit Angehörigen, über die psy-chologische Unterstützung von Klinikpersonal bis hin zur Verbesserung der professionellen Kom­mu­ni­kation und Kooperation.

Psychosomatik

In der Psychosomatik werden speziell psychische Faktoren in der Krankheitsentstehung und Mög­lich­keiten psychischer Einflussnahme und Behandlung von körperlichen Erkrankungen, bei denen eine psy­chische Beteiligung in der Entstehung angenommen wird. Jedoch sind hier die Abgrenzungen nach beiden Seiten, hin zu den rein körperlichen oder rein seelischen Erkrankungen, abhängig vom soge­nannten Leib-Seele-Verständnis und pragmatisch sehr schwer zu ziehen. Es ist aber sehr bedeutsam, wenn Krebserkrankungen nach heutigem Wissensstand eindeutig nicht als psychisch bedingt definiert werden.

Verhaltensmedizin

Wird der Ansatz breiter gewählt und Gesundheit und Krankheit als kom­plexes Geschehen auf ver­schie­densten Systemebenen untersucht, um Erkenntnisse für die Gesund­heits­­förderung, beziehungs­weise die Prävention, Diagnose und Behandlung von Krankheiten zu ge­win­nen, bewegen wir uns im Tätigkeitsbereich der Verhaltensmedizin. Entsprechende Maßnahmen reichen von der Atemschulung asthmatischer Patienten oder der Um­ge­staltung des Lebensalltags, über Stressbewältigungstrainings oder kognitiven Kontrolle von Schmerz hinein in diverse Ansätze zur Steigerung der Mitarbeit, der Behandlung durch Biofeedback oder der Verarbeitung von kritischen Lebensereignissen, die häufig auch durch die Folgen der Krank­heit und die medizinischen Maßnahmen bei den unterschiedlichsten Krankheiten entstehen.

Josef King
Diplom-Psychologe
Untermarkt 22
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